Offener Brief an die Fraktionen von SPD und LINKE im Abgeordnetenhaus von Berlin:


An die Mitglieder der Fraktionen von SPD und LINKE im Abgeordnetenhaus von Berlin und die Mitglieder des Senats von Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Mitglieder des Abgeordnetenhauses von Berlin,
sehr geehrte Mitglieder des Senats von Berlin,

voraussichtlich am 9. Dezember 2010 werden Sie über den sogenannten
14. Rundfunkänderungsstaatsvertrag im Berliner Abgeordnetenhaus abstimmen. Dieser hat eine Änderung des Jugendmedienschutzstaatsvertrages zum Ziel. Zentrales Anliegen ist der Versuch der Übertragung von Jugendschutzmechanismen aus dem Rundfunk auf das Internet. So sollen etwa Alterskennzeichnung und Sendezeiten im Internet ausgeweitet werden. Wir sind jedoch der Meinung, dass sich Instrumente, die bei statischen Medien wie Kinofilmen und Computerspielen durchgesetzt haben, nicht auf das Internet übertragen lassen und die vorgeschlagenen Regelungen sogar schädlich für die Meinungs- und Informationsfreiheit sind.

Berlin ist eine internationale Stadt – eine Metropole für digitale Informationen, digitale Kommunikation, digitale Kreativität und digitales Arbeiten. Gerade hier lebt eine kreative Bevölkerung, die digital vernetzt arbeitet, sich souverän in der Online-Welt bewegt und sich selbstbewusst und aktiv neuer Formen digital organisierter Öffentlichkeiten bemächtigt. Diesen mündigen Bürgerinnen und Bürgern eine Regulierung der Internetkommunikation nach dem Vorbild des Rundfunks aus dem letzten Jahrhundert im Namen des Jugendmedienschutzes vorzulegen, ruft zu Recht deren scharfen Protest hervor.

Berlin entwickelt sich seit Jahren positiv zu einem Informations- und Medienstandort. Zahlreiche Arbeitsplätze entstanden und entstehen auch in den „digitalen Industrien“ rund um das Internet. Diese Entwicklungen gilt es zu stärken und politisch zu flankieren. Gerade vor dem Hintergrund dieses wichtigen Zukunftsfeldes für das Land Berlin ist besondere Vorsicht geboten, wenn es um die Regulierung von Informations- und Kommunikationsräumen wie dem Internet geht. Aus diesem Grund bitten wir Sie, als politische Vertreterinnen und Vertreter aller Menschen in unserer Stadt, sich vor der parlamentarischen Entscheidung über den 14. Rundfunkänderungs-Staatsvertrages über dessen Folgen zu informieren, um die beste Entscheidung für die Meinungs- und Informationsfreiheit und damit auch für die Berlinerinnen und Berliner treffen
zu können. Mit diesem Brief übersenden wir ihnen ein Schreiben an die SPD-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen, welches ausführlich auf die Probleme der Novelle des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages eingeht und alternative Lösungen aufzeigt. Es wurde von über fünfzig Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, der „Netzgemeinschaft“ sowie Juristen, Journalisten und Netz-Künstlern unterzeichnet. Da es sich um einen für alle Bundesländer geltenden Staatsvertrag handelt, hat der Inhalt des Schreibens auch für Berlin uneingeschränkt Gültigkeit. Wir rufen Sie als Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf, die Problembeschreibungen und Argumente in angehängtem Schreiben in ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen und der geplanten Änderung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages nicht zuzustimmen.

Mit den besten Grüßen,

Markus Beckedahl, Chefredakteur von netzpolitik.org und Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages

Bov Bjerg, Autor

Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Sprecher von Wikileaks

Johnny Haeusler, Gründer von Spreeblick.com

Constanze Kurz
, Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC) und Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages

Thomas Langkabel
, Mitglied Government 2.0 Netzwerk, Blogger, Plattform opendataberlin

Anne Roth, Bloggerin, annalist.noblogs.org

Christian Scholz
, Unternehmer, Web-Entwickler, politisch aktiver Blogger und Podcaster und Mitglied beim „Dialog Internet“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Henning Tillmann, Mitglied des Gesprächskreises „Netzpolitik und Digitale Gesellschaft“ des SPD-Parteivorstands, Initiator des offenen Briefs an SPD-Landtagsfraktion in NRW

Karsten Wenzlaff, Social Media Manager im vorwärts Verlag, Gründer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien

Jens Best Publizist, Fotograf, Social Media Experte

Philip Banse Journalist, Produzent von Podcasts

Christian Bahls, Vorsitzender von MOGiS e.V.

Mädchenmannschaft – das Bloggerinnenteam von http://www.maedchenmannschaft.net

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Der gute Verrat: Daniel Domscheit-Berg im Freitag


Liebe Mitstreiterinnen,

viele Debatten um Transparanz, Dominanz, Relevanz von Nachrichten sind in diesem Sommer geführt worden am Beispiel von Wikileaks. Letztlich durch die Afghanistan-Protokolle und durch die gezielte neue Zusammenarbeit mit
den Medien wie dem Spiegel in Deutschland http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,708311,00.html
am 25. Juli 2010 sind  unglaubliche viele Menschen mit dem Projekt in Kontakt gekommen, haben sich selbst eine Meinung gebildet und für viele war klar, dass es ein außergewöhnliches Engagement ist, was einige auf sich nehmen, verbunden mit kaum vorstellbaren Konsequenzen für Lebensstil und Heimatgefühl, Identität und Vertrauen.
Einen Monat lang wären zig Tausende bereit gewesen, das Projekt zu unterstützen.
Viele haben es getan, mit Geist, Engagement und Geld.

Dass fast einen Monat danach, am 21. August, beginnt der Absturz. Der charismatische Repräsentant Julian Assange steht einen Samstag lang von 10 Uhr bis abends 22 Uhr unter dem Verdacht der Vergewaltigung,
die europäische Fangemeinde ist betroffen, verfolgt auf unzähligen Blogs das Hin und Her, die Vermutung, dass
der amerikanische Geheimdienst dahinter steckt, scheint absolut glaubhaft – aber genauso auch,
dass ein heimatloser Robin Hood die mitmenschlichen Grundregeln abgelegt hat.

Seit diesem Tag, als die kleine, weltumspannende Gemeinschaft der Guten nicht in der Lage war, gegen die Öffentlichkeitsarbeit der schwedischen Boulevard Blätter geschlossen, professionell und eben
offen und ehrlich zu kommunizieren, ging es bergab.

Mit dem Interview von Daniel Domscheit-Berg am 25. September http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,719543,00.html
wurde auch deutlich wurde, dass kein Krisenmanagement mehr hilft, dass er uns Assange getrennte Wege gehen.

Der Freitag beleuchtet das Thema ausführlich, zu lesen lohnt sich alles,
http://www.freitag.de/wochenthema/1041-wichtige-whistleblowernatürlich auch der Text von Daniel –
hier eine kurze Leseprobe:

„Wikileaks hat das Whistleblowing verändert, einen Kulturwandel angestoßen und die Grenzen des Möglichen wie auch des Akzeptierten nachhaltig verschoben. Dieser Vorstoß der Zivilgesellschaft ist sehr wichtig. Er kann als Beispiel dafür dienen, was in einer global vernetzten Welt möglich ist.

Das Projekt ist so allerdings auch an seine eigenen Grenzen gestoßen. Die zunehmende Flut von Dokumenten war nicht mehr abzuarbeiten, strukturelle Schwächen wurden immer deutlicher und zudem wuchs der politische Druck auf die Organisation. Dieses Feedback ist sehr wichtig, um zu verstehen, wo die Schwächen des Projekts liegen und was für die Zukunft verändert werden müsste.

Die effiziente Nutzung der von Whistleblowern zur Verfügung gestellten Materialien muss dabei im Vordergrund stehen. Eine Plattform für Whistleblower ist eine neutrale Instanz und muss sich selbst als reine Dienstleistung begreifen. Dies betrifft vor allem die verlässliche Entgegennahme, Verarbeitung und Auswertung von Dokumenten. Diese Funktion darf sie nicht aus dem Auge verlieren und sie muss sicherstellen, dass sie selbst bei großem Zuspruch die Einsendungen diskriminierungsfrei abarbeitet. Auch funktionale Schnittstellen mit den klassischen Medien werden benötigt. Eine Whistleblowing-Plattform ist Zuarbeiter für Medien. Deren Aufgabe ist die Analyse, Aufbereitung, Kontextualisierung und Präsentation der Informationen gegenüber der Gesellschaft.“ Daniel Domscheit-Berg

Mehr lesen auf http://www.freitag.de/wochenthema/1041-im-prinzip-gut

JW

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